Vom Schreibtisch aufstehen
I believe that a scientist looking at nonscientific problems is just as dumb as the next guy (Richard Feynman)1
Im Grundstudium erzählen sie, dass das Alltagsleben auf einem Geflecht von generalisierenden Annahmen über die Welt basiert, ohne die wir nicht leben oder Handeln könnten, und dass schon dieses Geflecht von Annahmen eine Theorie ist. Aber das ist eine naive, platte Vorstellung von Theorie. Es geht nicht nur darum, ein Geflecht von Annahmen zu bauen, sondern darum, eine andere, neue Perspektive zu präsentieren. Nicht jedes Geflecht von Annahmen ist schon Theorie, Theorie ist anders als der Alltag.
Vielleicht ist es eine Binse, dass Theorie und Alltag sich unterscheiden. Anders würde man nicht von einer Differenz zwischen Theorie und Praxis ausgehen und davon, dass Theorie irgendwie angewendet wird, man würde nicht von Ideologie sprechen und sich selbst für den halten, der hinter den Verblendungszusammenhang schauen kann, man würde keine Theorie ausdenken, die Alltägliches erklärt, weil es sich selbst erklären würde. Man würde wahrscheinlich überhaupt nicht von einem Alltag oder einer Lebenswelt sprechen, denn wie sollte der Alltag als Alltag, die Lebenswelt als Lebenswelt identifiziert werden?
Thomas Kisser schreibt über das Verhältnis von Theorie und Alltag und Wirklichkeit:
Es ist offenkundig […] dass alles allgemeine oder philosophische Sprechen über Wirklichkeit sich − gewissermaßen gegen die eigene Intention – in ganz formaler Weise in Differenz zur Wirklichkeit setzt. Es ist selbst eben nicht mehr unmittelbare Wirklichkeit. Doch ist es unumgänglich, sich als Theoriesprecher von der Wirklichkeit im Sinne einer naiven Affirmation des Alltäglichen zu distanzieren, die Trennung von Sein und Schein ist essentiell für jede Theoriebildung. Der Begriff des Alltags oder der Lebenswelt als einer Wirklichkeit erster Ordnung taucht ja erst in und durch eine solche Reflexion auf.2
Kisser schließt an diese Überlegung an mit einer Formulierung des Problems des Theoriesprechers — das Theorien der Wirklichkeit die Wirklichkeit ihrer Theorie zu klären haben — geht also auf die Innenseite der Unterscheidung von Theorie und Alltag oder Wirklichkeit und fragt nach dem re-entry der Wirklichkeit in die Theorie. Aber die Differenz kann auch anders bearbeitet werden.
Ein Beispiel ist für normative und kritische Theorien vielleicht die Unterscheidung von (realer) Realität und (theoretischem) Ideal, der entweder die Forderung folgt, dass sich die Realität dem Ideal fügen soll oder (erstaunlich häufig) die Feststellung, dass sie das schon tut. Aber wenn das Ziel einer Theorie Erkenntnisgewinn (und eben nicht Handlungsanweisung) ist, muss man sich Fragen, was man durch den Vergleich erkennt — außer, dass sich Realität und Ideal nicht entsprechen.
Latour verwendet einen (den von James) Begriff der Gewohnheit, um die Differenz alltäglichen Erlebens von theoretischer Beobachtung zu erklären. Im Alltag sieht man die Diskontinuitäten, die Referenzketten, die Vielfalt der Existenzweisen der Akteure nicht — nicht, weil es sie nicht geben würde, sondern weil man es nicht gewohnt ist, sie zu sehen. Aber die Theorie bricht mit den Denk- und Sehgewohnheiten, sie zeigt die kleinen Transzendenzen und die Trajektorien, macht die Netzwerke deutlich, in denen wir stehen.
In diesem Sinn lässt sich Theorie verstehen als Ausnahme oder Ausnahmezustand (Hanna), in dem die normale, alltägliche Verfassung außer Kraft gesetzt wird und eine Verlagerung passiert — nicht von Legislative zu Exekutive, sondern von Handeln zu Erleben. In ihr ist es (deswegen?) möglich, Komplexität anders zu reduzieren als im Alltag, vielleicht kann sie mehr Komplexität (mehr Redundanz und mehr Varietät) zulassen als gewöhnlich möglich ist. Theorie darf überfordern.3 Sie hält Paradoxien besser oder anders aus. Sie besitzt andere Möglichkeiten der Entparadoxierung als unser Bewusstsein, dessen Realität ja auch als Entparadoxierung entsteht. Vielleicht kann man es dann für problematisch halten — der Ausnahmezustand wird verallgemeinert — wenn Personen versuchen, Theorie auf den Alltag anzuwenden, mit ihr den Alltag erschließen wollen?
Wenn ich Latours Existenzweisen zuklappe, sehe ich wieder nur Kontinuitäten, geglätteten Raum. Ich kann mich einen Moment an das Gold und die koreanische Fabrikarbeiterin erinnern, die in meiner SSD stecken, aber dann geht alles wieder seinen gewohnten Gang, die Komplexität wird reduziert, Zotero geöffnet. Steht man vom Schreibtisch auf, geht man vom Seminar in die Mensa, gibt es auf einmal wieder Identitäten, ist das Sein wieder vergessen, man dem Warenfetisch wieder verfallen oder dem Aristotelismus.4
Vielleicht ist Theorie deswegen immer Schrift, Text … weil erst hier Reflektion möglich wird, weil das Geschriebene eine Möglichkeit bietet zur Distanz, zur Beobachtung zweiter Ordnung. Wohlmöglich sind solche Ausnahmezustände auch erreichbar durch andere Texte (und nicht-Texte) — und andere Genre! Es könnte ergiebig sein, Theorien als eine spezifische Form der Fiktion zu begreifen, die ja das Grundmodell unseres Wissens über die Welt ist (Eco). Sie müssten dann gelesen werden in einem Modus des als-ob — als nützliche Fiktion (Vaihinger) über den Alltag und Frage wäre nicht mehr, ob Theorie den Alltag, die Wirklichkeit erklären kann, sondern ob (und wie) Alltag und Wirklichkeit die Theorie erklären.
Dazu passt der von Luhmann verwendete Begriff der Plausibilitätsbedingungen, zu dem Nassehi ein passendes Beispiel liefert: mentalistische Theorien (Reckwitz) entsprechen den Sehgewohnheiten der bürgerlichen Gesellschaft, in der die mentale (auf Motive bezogene) Form der Weltbeobachtung des Romans sehr üblich war, während die auf Körper fokussierte Praxistheorie an Plausibilität gewinnt, weil Körper in den Massenmedien deutlich sichtbarer sind als Motive.5
Das heißt nicht, das Theorien den Alltag nicht beeinflussen können. Irgendeinen Eindruck hinterlässt die Theorie, aber sie frisst nicht alles vorher gewusste und verdaut es. Eher wirft sie ein neues Licht auf die Welt, transportiert einen Weltstimmungsgehalt (vorher stand hier Weltgrundgestimmtheit …). Man lernt etwas von ihr — aber man lernt eben auch etwas aus Romanen und Videoessays. Man sitzt im Bus und hört den Leuten beim reden zu und denkt: das ist ein Interaktionssystem.
Theorien sind eine besondere Art von Geschichte, die wir über die Welt erzählen — hochabstrakt, paradoxie-affin, weniger komplex und gleichzeitig deutlich komplexer als die Welt, die wir alltäglich erleben. Sie sind deswegen nicht besser als andere Formen der Weltbeobachtung, nur: anders.
Wenn Realität das Fraglos gegebene, schlechthin vorausgesetzte ist, dann ist Theorie das Gegenteil von Realität. Nichts wird vorausgesetzt, alles in Frage gestellt. Vielleicht ist Theorie ein Moment des Realitätsverlusts, aber irgendwann muss man wieder vom Schreibtisch aufstehen.
In The Value of Science, public address at the National Academy of Sciences (1955).↩
Kisser, Wie kann eine allgemeine Theorie der Wirklichkeit ihre eigene Wahrheit zeigen? In Jantzen, Kisser, Traub: Grundlegung und Kritik: Der Briefwechsel zwischen Schelling und Fichte 1794-1802. Leiden: Brill, 2005, 134.↩
Zentral ist diese Feststellung in Luhmanns Die Praxis der Theorie (1969).↩
Das schreibt Gotthard Günther im Vorwort zu Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik (1959), XII: „Unsere physische Existenz ist ‚Aristotelisch‘, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Und soweit unser Denken ein ‚existentieller‘ Vorgang ist, ist es ebenfalls ‚Aristotelisch‘ und wird diese Eigenschaft auch bis zum jüngsten Gericht nicht aufgeben!“↩
Vgl. Luhmann, Frauen, Männer und George Spencer Brown (1988), 60 und Nassehi, Gesellschaft der Gegenwarten (2011), 25f.↩