Halbgares über Emuna und Pistis
Agamben schreibt in "Die Zeit die Bleibt" (12) über die "Zwei Glaubensweisen" Bubers. Er unterscheidet die hebräische emuna – das objektive und unmittelbare Vertrauen in die Gemeinschaft, der man angehört (also den Glauben von Jesus) von der griechischen pistis, dem Glauben an etwas, der eine Entscheidung braucht.
Meine Annahme ist, dass diese Unterscheidung historisch zu verstehen ist und deshalb zurückgeführt werden kann auf gesellschaftliche und mediale Voraussetzungen.
Eigentlich brauch es ja erst ein Glaubensbekenntnis, wenn Glaube pistis "geworden" ist. Vorher, immer-schon eingebettet in eine Gemeinschaft, der man eben fraglos einfach angehört, ist ein Bekenntnis zu einer bestimmten Religion gar nicht nötig. Aber das Bekenntnis, das "sich bekehren", wie Buber es nennt, erfüllt die Funktion, die Gemeinschaft erst zu konstituieren.
In der einen »findet sich« der Mensch im Glaubensverhältnis, in dem andern »bekehrt er sich« zu ihm. Der Mensch, der sich darin findet, ist primär Glied einer Gemeinschaft, deren Bund mit dem Unbedingten ihn mit umgreift und determiniert; der Mensch, der sich zu ihm bekehrt, ist primär ein Einzelner, zu einem Einzelnen Gewordener, und die Gemeinschaft entsteht als Verband der bekehrten Einzelnen (Buber, Zwei Glaubensweisen, 203)
Das Christentum beginnt in der Diaspora und sucht die Einheit, das Judentum beginnt in der Einheit und wird zerstreut in die Diaspora.
Buber hält es nicht für erklärungsbedürftig, dass die pistis als Glaubensprinzip der Anerkennung und Akzeptanz keiner Erörterung bedarf, weil es erst im griechischen Denken durch die "Erfassung eines Aktes der Anerkennung von Wahrheit ermöglicht worden" (204). Er schreibt, dass es um die hellenistische Seelenwelt geht, und das wird nicht falsch sein, aber es man kann das ganz gut auf die höhere Literalität im Hellenismus zurückführen.
Die meisten vorchristlichen Juden kennen die heilige Schrift nur vom Hören, sie lesen nicht selbst. Die Literalität ist relativ niedrig, die Schrift hat deswegen mehr Autorität (weniger konkurrierende Perspektiven), man kann ja gar nicht anders, als dem Vorleser zu vertrauen. Das ist die Situation der emuna.
Die starke Bindung an die Gemeinschaft, die in einer deutlich sprachlich, aber um einen Text herum strukturierten vorchristlichen jüdischen Kultur gegeben war, löst sich im Hellenismus auf, weil durch die (etwas) höhere Literalität und die Situation der Diaspora multiple Perspektiven auftauchen.
Die Schrift und der Umgang mit ihr wird jetzt zum Problem – das ist ja auch der Punkt von Havelock, für den Platons Politeia unter anderem eine Reaktion auf das Problem der Schriftlichkeit ist. K. meinte auch immer, dass die Idee der Seele (und das heißt ja, die Idee eines Individuums, das sich um sich selbst – seine Seele zu kümmern hat – also eines Einzelnen), in der platonischen Situation entsteht.
Glaube wird propositional, weil es die durch die Struktur von Vorleser und Gemeinde gewährleistete Gemeinschaft nicht mehr gibt. Paulus ließt die Texte selbst, und er muss sich zum Glauben entscheiden.
Anderer Ansatz: in der Diaspora, in der Paulus sich befindet, fragmentiert die Religion (man verstreut sich), und dieser Bewegung und Fragmentierung muss man entgegen wirken. Dazu passt auch, dass um 76 eine Bewegung der Kanonisierung und einsetzt.
Aber man kann das Verbinden, denn auch die Individualisierung ist ja eine Form der Fragmentierung. Es gibt also eine (interne) Fragmentierung der Gemeinde und eine (externe) Fragmentierung der Gemeinschaft der Glaubenden. Um diesen Bewegungen entgegenzuwirken, braucht es das Bekenntnis – pistis.