Das Problem der Entdifferenzierung
Die Systemtheorie Luhmanns kennt keinen Begriff der Entdifferenzierung. In der Gesellschaft der Gesellschaft verweist das Stichwort ‘Entdifferenzierung’ auf eine Stelle über die Postmoderne. Eine Suche im Luhmann-Archiv findet 8 Zettel, die das Wort enthalten. Interessant ist davon nur Nummer 21/3d5b11z/n im ZK II:
Die Theorie der Systemdifferenzierung gibt Prozessen der Entdifferenzierung ein vorzeitiges Bewusstsein; sie wird dadurch unbequem.
Was das bedeuten kann, soll hier nicht erörtert werden. Immerhin lässt sich sehen, dass Luhmann das Problem der Entdifferenzierung oder besser, das Problem der Entdifferenzierung im Kontext seiner Theorie der Systemdifferenzierung, kannte.
In Soziale Systeme (22) wird Systemdifferenzierung bestimmt als
[…] nichts anderes als die Wiederholung der Differenz von System und Umwelt innerhalb von Systemen. Das Gesamtsystem benutzt sich dabei selbst als Umwelt für eigene Teilsystembildungen und erreicht auf der Ebene der Teilsysteme dadurch höhere Unwahrscheinlichkeiten durch verstärkte Filterwirkungen gegenüber einer letztlich unkontrollierbaren Umwelt.
Und in der Religion der Gesellschaft (198) findet sich die Formulierung, dass Systembildung
[u]nabhängig von den Möglichkeiten irgendeines Beobachters, Zusammenhänge (zum Beispiel zwischen Riten und Mythen oder zwischen religiösen Rollen) festzustellen, voraus[setzt], daß das System im Wege der Selbstbeobachtung entscheidet, welche Operationen das System reproduzieren und welche nicht, also was zum System gehört und was nicht.
Unklar ist zwischen diesen beiden Formulierungen, bei welchem System (dem Gesamtsystem oder dem Teilsystem) die Aufgabe der Katalyse liegt. Nutzt sich wirklich das Gesamtsystem als Umwelt für Teilsystembildungen in sich? Oder muss man hier nicht vielmehr dem Postulat der Autopoiesis folgen und davon ausgehen, dass sich Teilsysteme „autokatalytisch und selbstselektiv” bilden?1 Fraglich wird in jedem Fall, ab welchem Punkt von einem ausdifferenzierten Teilsystem gesprochen werden kann.
Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass Systembildung ein einmalig stattfindendes Ereignis ist. Vielmehr – und das ja ist die Bedeutung des Wortes Autopoiesis – muss sich ein System durch das aneinander-schließen von Operationen selbst-reproduzieren. Seine Aufgabe ist die Bildung von Strukturen, das heißt die Selektion von Selektionen von Operationen durch Operationen (etwas anderes steht dem System nicht zur Verfügung).2
All das kann nur Prozesshaft ablaufen, sodass man nicht umhinkommt, die Differenzierung von System und Umwelt graduellen zu denken.
[D]ie Differenzierung der Differenzen [entscheidet] über den Grad an ‘Systemheit’ eines Systems – über Ausmaß und Intensität, mit denen ein System System ist. – Soziale Systeme (265)
Hier wird deutlich, dass Sinnsysteme immer Zeitsysteme sind, deren Identität von außen nur dadurch bestimmt werden kann, indem (retrospektiv) beobachtet wird, welche Operationen aneinander anschließen. Das ist der Grund, aus dem Peter Fuchs die Grenzen des Systems als Zeitgrenzen im Schema von vorher/nachher fasst. Klar ist dann, dass die Raummetaphorik (das System als Kreis, innen/außen, der Begriff der Umwelt …) der Systemtheorie hoch problematisch ist. Systeme müssen als Zeitsysteme, nicht als Behältnisse, gedacht werden.3
Ein ausdifferenziertes System schließt nur noch an eigene Operationen an. Damit Differenzierung aber überhaupt möglich ist, muss es an Operationen anschließen, die vor einem gewissen Punkt nicht als die eigenen bestimmt werden können. Jedes System gründet sich also auf Bedingungen, die ihm Vorausliegen.
Umgekehrt können Systeme aufhören. Auch dieser Prozess ist graduell zu denken. Die Maschine der Autopoiesis wird nicht von einer Operation zur nächsten stoppen, aber sie wird nicht mehr an alle Operationen anschließen können, die früher für sie anschlussbar gewesen wären. Sie hört auf, die Einheit der Differenz des Systems zu garantieren. Das können wir Entdifferenzierung nennen.
Die Frage ist dann (und hier wird eine Antwort auf die Frage liegen, warum Luhmann keinen Begriff der Entdifferenzierung eingeführt hat), warum wir Entdifferenzierungen so selten beobachten – eigentlich wäre ja davon auszugehen, dass gerade das der wahrscheinliche (und Bestand der unwahrscheinliche) Fall ist.
Falsch: warum wir Entdifferenzierung auf der Ebene des Gesellschaftssystems so selten beobachten. Interaktionssysteme differenzieren und entdifferenzieren sich ja ganz fröhlich. Man quatscht eine Weile im Unterricht, bevor es dem Lehrer auffällt und man wieder zuhören muss; Man unterhält sich auf der Party in der WG Küche, aber dann ist die Musik zu laut.
Die Antwort wird in der auf Basis der Differenzierung reduzierten und aufgebauten Komplexität liegen. Die in Interaktionssystemen realiserte Komplexität ist relativ gering, der Abstand zur Umwelt (da ist sie wieder, die Raummetapher) niedrig. Aber in Organisationen und in Funktionssystemen werden auf Basis von Komplexitätsgewinnen weitere Komplexitätsgewinne realisiert, auf deren Basis weitere Komplexitätsgewinne realisiert werden … und so wird der Rückbau von Komplexitätsgewinnen, der Abbau evolutionärer Errungenschaften4, immer unwahrscheinlicher.5 Luhmann geht (ich würde schreiben deswegen, aber wahrscheinlich kam diese These vor ihrer Begründung) davon aus, dass in die soziokulturelle Evolution eine generelle Tendenz zu einem höheren Differenzierungsgrad, zu höherer Komplexität eingebaut ist.
Allerdings können Systeme an Komplexitätsgrenzen stoßen. Zum Beispiel ist auf Basis handschriftlicher Kommunikation nur ein gewisser Differenzierungsgrad zu erreichen. Mit der Erfindung des Buchdrucks wird dann aber nicht nur mehr, sondern auch eine ganz andere Form der Differenzierung möglich. Die Einführung neuer Verbreitungsmedien führt zu katastrophalen (im Sinne Thoms) Veränderungen im Differenzierungsmodus der Gesellschaft. Der Buchdruck führt in der Erzählung Luhmanns letztendlich zur Herausbildung von Funktionssystemen, die die Ordnung der Stratifikation überformen.
Vielleicht darf in solchen Fällen von Entdifferenzierung auf der Ebene des Gesellschaftssystems gesprochen werden. Und vielleicht deutet sich hier ein Ansatz für eine Medientheorie des Faschismus an (der dann Entdifferenzierung wollen oder sein müsste) …
Vgl. Nassehi, Die Zeit der Gesellschaft (238ff). Eine dritte Option wäre vielleicht, beide Formulierungen als Hinsichten (…) auf das selbe Phänomen zu begreifen – als Formulierungen aus der Perspektive des Gesamt- und aus der Perspektive des Teilsystems.↩
Die Fragen, wie die Differenzierung in Gang kommt und warum sich Teilsysteme ausdifferenzieren, sprengen den Rahmen dieser Überlegungen. Beide bräuchten eine Ausführung über die Beschränkung von Irritierbarkeit und über Komplexitätsreduktion zum Zweck des Aufbaus von Komplexität.↩
Fraglich scheint mir aber, ob Systeme tatsächlich nur Zeitgrenzen und nicht auch Sachgrenzen und evtl. soziale Grenzen etablieren müssen? [2025-10-18] Luhmann schreibt in der Kunst der Gesellschaft (113), dass zwischen Themen der Kommunikation und der Erhaltung der Autopoiesis unterschieden werden muss. So werden die Systeme dann dem Inhalt der Kommunikation gegenüber völlig indifferent. Aber wir funktioniert dann Differenzierung? Über Medien?↩
Siehe dazu Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft (505ff).↩
Wenn es stimmt, dass im Laufe der Evolution die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen steigt, müsste dann nicht (gewissermaßen in einer Umkehrung dieser Logik) die ja immer normalerweise unwahrscheinlicher werdende Wahrscheinlichkeit von Entdifferenzierungen auf Ebene des Gesellschaftssystems wieder wahrscheinlicher werden? Naja, wahrscheinlich rettet uns hier die Negentropie.↩