Ein Brutalismus der Theorie
Die These: Es braucht einen Brutalismus der Theorie.
Brutalismus ist der Versuch, ein objektives Verhältnis zur Realität zu finden […]. Brutalismus versucht einer in Serie gefertigten Gesellschaft gerecht zu werden und eine derbe Poesie aus den widersprüchlichen und mächtigen Kräften, die am Werk sind, hervorzubringen […], er drückt sich aus in einer kompakten, disziplinierten Architektur. (Alison und Peter Smithson)
Brutalistische Theorie ist der Versuch, ein objektives Verhältnis zur Realität zu finden. Die Theorie weiß, dass eine Realität (die von ihr unabhängig wäre) nicht zu erreichen ist. Dass es deswegen gilt Denkformen und -Figuren (Paradoxien!) zu finden, die dem gerecht werden. Was in der Architektur die Betonflächen, die einfachen Formen, die niedrige Auflösung sind, ist deswegen in der Theorie die Abstraktion, die Differenz zum Gegenstand.
Die theoretischen Äquivalente zu architektonischer Kompaktheit und Disziplin sind wohl auch ihrerseits Kompaktheit und Disziplin — Nüchternheit, Präzision der Beschreibung … vielleicht Begriffe, die sich durch sich selbst bestimmen. Was ist kompakter als Theorie, die zirkulär argumentiert?
Die Entscheidung für einen bestimmten Stil ist hier eine ethische Frage. Brutalismus ist nicht nur Beton, sondern eine gesellschaftspolitische Utopie. Man kann brutalistischer Theorie (und ihrer architektonischen Schwester) einen Antihumanismus vorwerfen und läge damit nicht falsch, würde aber ihr Anliegen missverstehen — der Antihumanismus ist eine ethische Entscheidung, er dient der Beseitigung von Erkenntnisblockaden.
Architektur und Theorie entscheiden sich, ihre Konstruktionsweise sichtbar zu machen. Sie verstecken nichts, sondern zeigen einen Prozess, machen Entscheidungen als Entscheidungen sichtbar. Brutalismus heißt working with the garage door up.
Vielleicht folgt das daraus: brutalistische Theorie ist Theorie, die neue Unter- und Entscheidungen ausprobiert, nicht beim Alten stehenbleibt. Sie ist kritische Theorie nicht im Frankfurter Sinn sondern eher in dem Foucaults, aber nicht nur historisiert und kontigenziert sie ihren Gegenstand, sondern auch sich selbst. Man zeigt, dass es auch anders hätte gehen können.
Die Anfälligkeit des Betons für Zerfall wird für die Theorie zum Gewinn. Sie wird Theorie, die ganz bewusst ihre eigene Dekonstruktion erlaubt oder durchführt, von selbst zerfällt.